Robert Schumann, Fantasie C-Dur, op. 17 für Klavier

(1836)

"Durchaus phantastisch und leidenschaftlich vorzutragen": Diese Anweisung für den ersten Satz könnte als Motto über dem ganzen Werk stehen. Wem diese Leidenschaft gilt, ist nach wenigen Takten zu hören, wenn das raumgreifende dominantische Thema zum ersten Mal deutlich an die berühmte Schlussmelodie aus Beethovens Liederzyklus "An die ferne Geliebte" anklingt: "Nimm sie hin denn, diese Lieder". 1835/36 am Beginn von Schumanns jahrelangen Kämpfen um Clara Wieck entstanden, ist die Fantasie vor allem im ersten der drei Sätze durchzogen von innerer Unruhe und plötzlichen Stimmungswechseln, scheint hin- und hergerissen zwischen selbstsicherem Auftrumpfen, zögerndem Suchen, zartestem lyrischen Verweilen und plötzlichem, unruhigen Vorwärtsdrängen. Diese riesige Palette an widersprüchlichen Stimmungen äußert sich in häufigen Tempo- und plötzlichen Dynamikwechseln, in der Abspaltung von kurz aufblitzenden kleinen Motiven und vor allem in der fast durchgehenden Verwendung synkopierter Rhythmen. Zusammengehalten wird diese "phantastische" Mischung durch eine an die Sonatenform angelehnte Dreiteiligkeit sowie das immer wieder anklingende Beethoven-Zitat. Dabei scheint die Form vor allem im A-Teil gefährdet zu sein, scheint ihre eigenen Grenzen sprengen zu wollen, was die Spannung noch einmal steigert. Erst ganz am Ende bildet das Zitat einen gelösten, entspannten Schlusspunkt des außerordentlichen Satzes. Der zweite Satz ("Durchaus energisch") setzt der Kurzatmigkeit des ersten lange, immer wieder zurückgehende und dann neu aufbauende Steigerungen entgegen, die ganz am Schluss zu einem in der Klavierliteratur einmaligen Höhepunkt kulminieren. Grob gesagt ist also die Spannungskurve des Satzes der des ersten entgegengesetzt: Währende jener von der Aufregung zur Ruhe findet, entwickelt sich dieser von der Stabilität bis zum explosiven Schluss. Die beinahe ständigen Synkopen des ersten Satzes finden sich vor allem im Mittelteil wieder, sind aber durch andauernde Punktierungen überlagert und verstärkt. Bei den berühmten (und gefürchteten) Sprüngen am Ende des Satzes schlagen die Schwierigkeit und das Risiko der Ausführung unmittelbar in Ausdruck um. Der dritte Satz ("Langsam getragen", "Durchweg leise zu halten") ist wohl einer der schönsten langsamen Sätze der Literatur. In durchgehender Triolenbewegung schwingt er sich zweimal ganz allmählich zu einem choralartigen Thema auf. Die Kämpfe des ersten Satzes klingen höchstens weit entfernt in gelegentlichen hemiolischen oder synkopischen Passagen an, insgesamt strahlt er vor allem große Ruhe und Harmonie aus. Besonders bemerkenswert sind die sehr ausdrucksstarken Rückungen und Trugschlüsse zu terzverwandten Tonarten.

Christian Köhn

Robert Schumann
Schumann-Forschungsstelle
Robert Schumann

Aufnahmeempfehlung: An erster Stelle würde ich Svjatoslav Richter nennen, der vor allem im zweiten Satz alle anderen mir bekannten Einspielungen an Spannung übertrifft. Weitere empfehlenswerte Einspielungen: Maurizio Pollini, Murray Perahia, Alfred Brendel.(CK)
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(MM)