Texte
Die Gattung "Klaviermusik zu vier Händen" entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu der wohl am meisten verbreiteten Form häuslichen, geselligen Miteinander-Musizierens. So erklärt sich, dass viele Werke dieser Besetzung in ihrer Ausrichtung eher konservativ als innovativ, in ihren Mitteln eher sparsam als kompliziert, in ihrem Ausdruck eher gefällig und heiter als tragisch sind. Während Mozarts große Sonaten für Klavier zu vier Händen in ihrem technischen wie auch musikalischen Anspruch auf einer Höhe mit den größten seiner Solosonaten stehen, wirkt beispielsweise die harmlose Anspruchslosigkeit von Ludwig van Beethovens Sonate D-Dur op. 6 aus heutiger Sicht zwischen den weit ausholenden Cellosonaten op. 5 und der gewaltigen Klaviersonate op. 7 etwas überraschend.
Franz Schubert hat das vierhändige Repertoire sowohl mit zahlreichen unterhaltsamen, dabei allerdings sehr raffinierten und klangschönen Märschen, Tänzen, Rondos, etc., als auch mit einigen anspruchsvollen, gewichtigen und komplexen Werken bereichert. Zu letzteren gehört z.B. die "Grande Sonate B-Dur" D 617, das Duo "Lebensstürme" D 947, und die - vom Erstverleger Diabelli "Grand Duo" genannte - Sonate C-Dur D 812.
Den Höhepunkt von Schuberts Klavierduo-Schaffen stellt ohne Frage die Fantasie f-moll D 940 aus seinem Sterbejahr 1828 dar, die in ihrer abgrundtiefen Trauer, ihren radikalen Ausbrüchen, ihren kühnen harmonischen Strukturen und ihrem freien, dabei überlegen gestalteten formalen Aufbau vielleicht das bedeutendste Werk dieser Gattung überhaupt ist. Wie bei manchen Werken, so hat Schubert sich auch in diesem Fall möglicherweise von einem klassischen Vorbild anregen lassen: Mozarts großartigem "Orgelstück für eine Uhr" f-moll, KV 608. Zumindest fallen einige Gemeinsamkeiten, von der Tonart bis zum Rondo-ähnlichen und mit Fugato-Elementen durchsetzten Aufbau, auf. Inhaltlich trennen indes mögliches "Vorbild" und "Nachschöpfung" Welten.
Tief beeindruckend und unerklärlich, wie es Schubert gelingt, gleich am Anfang mit einer "schaukelnden" f-Moll-Begleitung und einem quasi auf der Stelle tretenden, melodisch kaum ausgeprägten Hauptthema tiefe Resignation und Trauer auszudrücken, die durch kleine harmonische und melodische Veränderungen unmittelbar zu Schmerz und Verzweiflung intensiviert werden. Das Dur nach einer plötzlichen Generalpause wirkt keineswegs als "Aufhellung" sondern eher als "potenziertes Moll" (Jürgen Uhde). Ein zweites, klanglich massiveres und rhythmisch geprägtes Thema erscheint im Wechsel mit dem Anfangsthema, welches dann scheinbar ziellos durch verschiedene Tonarten irrt, während die dramatischen Triolen des zweiten Themas wie aus der Ferne nachklingen. Der erste große Abschnitt der Fantasie endet mit einem dunklen und langen F-Dur-Klang, der plötzlich zu einem zuckenden, von Trillern und Akkorden durchsetzten Largo in fis-moll(!) rückt. Dieser zweite Teil erinnert stellenweise durch seine permanenten Punktierungen und polyphonen Elemente ein wenig an eine barocke "Französische Ouvertüre", stellt aber mit der Heftigkeit seiner ff-Ausbrüche, den unheimlichen Trillerketten und abrupten Dynamikwechseln weit mehr als eine Einleitung zum folgenden "Allegro vivace" dar. Die gestaute Energie von neun Takten (!) doppelt punktierter Akkorde entlädt sich nach einer Generalpause in dem tänzerischen, aber alles andere als heiteren Schwung dieses 3/4-Allegros. Ein einziges Mal hellt sich die Stimmung ("con delicatezza") für wenige Takte etwas auf, was jedoch fast unmittelbar durch dramatische Steigerungen, plötzliches Abbrechen und schließlich die ff-Wiederholung des Allegro-Themas überlagert wird. Das Ende dieses dreiteiligen, energiegeladenen fis-moll-Abschnitts moduliert in wenigen Takten, vollkommen unerwartet und mit großer dramatischer Geste nach f-moll zurück. Nach einer langen Generalpause wird der allererste Abschnitt der Fantasie verkürzt wiederholt. Die traurig schwankende Begleitung und das kreisende Thema wirken nach dem lebhaften Allegro noch resignierter. Das Seitenthema eröffnet ein umfangreiches Fugato, welches in der logischen Folgerichtigkeit seiner Entwicklung und der grandiosen Steigerung bis zum größtmöglichen Höhepunkt zum schmerzhaften Ausdruck einer unaufhaltsamen Katastrophe wird. Nach einer erneuten plötzlichen Generalpause folgt zum letzten Mal das f-moll-Anfangsthema, wendet sich quasi suchend nach Ges-Dur, bäumt sich noch einmal bis zum ff auf, bevor ein langer piano-Akkord den Schluss bildet.
Christian Köhn
Aufnahmeempfehlung:
Murray Perahia und Radu Lupu schaffen es, bei
wunderbarer Klangschönheit alle Abgründe des Stückes unmittelbar erlebbar
zu machen.
Sony COLMK 39511
Alternativen:
- Emil & Elena Gilels (DGG 463 652-2)
- Richter/Britten (Decca 466 822-2)