Texte
Schuberts Klavierwerke haben - anders als die Lieder oder auch ein großer
Teil der Kammermusikwerke - lange Zeit gebraucht, um im Bewusstsein der
Musiker und des Publikums den ihnen angemessenen Rang einzunehmen. Noch
heute ruft die Feststellung, dass Schuberts Klaviersonaten denen
Beethovens ebenbürtig sind, vielfach Erstaunen oder Widerspruch hervor.
Umso bemerkenswerter ist die Ausnahme der Fantasie C-Dur, D 760, die schon
kurz nach ihrer Entstehung im Jahre 1822 von der Kritik teilweise
enthusiastisch gelobt wurde und bis heute eines der meistgespielten
Klavierwerke geblieben ist. Was könnten die Gründe für diese
Ausnahmestellung sein? Zunächst fallen ihre im wörtlichen Sinn unerhörte
Virtuosität und die quasi orchestrale Klangentfaltung auf, die beide weit
über alle zeitgenössische Klaviermusik (sogar die Beethoven-Sonaten)
hinausgehen. Die Fantasie ist voller großartiger technischer Neuerungen
(z.B. die vielfache Verwendung verschiedenster Arten von Tremoli,
einzigartige Oktavpassagen, großflächige Arpeggien im Dezim-Abstand), die
zum großen Teil erst bei Liszt eine Fortsetzung finden (Liszt hat neben
seinen zahlreichen Bearbeitungen von Schubert-Liedern auch eine Fassung der
Wanderer-Fantasie für Klavier und Orchester angefertigt) und die umso
erstaunlicher sind, als Schuberts eigene pianistische Fähigkeiten offenbar
sehr begrenzt waren . Der formale Aufbau der Fantasie folgt einerseits
deutlich dem klassischen Vorbild von vier Sätzen mit der Folge
Allegro-Adagio-Scherzo-Allegro, aber schon das nahtlose Ineinanderführen
der Sätze deutet ihre ungewöhnlich starke innere Zusammengehörigkeit an:
Sämtliche Themen aller Sätze lassen sich auf das Variationsthema des
langsamen Satzes zurückführen, in dem Schubert einen Ausschnitt seines
Liedes "Der Wanderer" zitiert ("Die Sonne dünkt mich hier so kalt, die
Blüte welk, das Leben alt, und was sie reden, leerer Schall; ich bin ein
Fremdling überall"). Vollkommen neu ist darüber hinaus Schuberts Idee, die
vier Sätze/Satzteile gleichzeitig den Formteilen eines einzigen
Sonatensatzes zuzuordnen: Der erste Satz entspricht der Exposition, der
zweite einer freien Durchführung, der dritte einer variierten Reprise und
der vierte einer virtuosen Coda. Die Einzigartigkeit des wunderbaren
zweiten Satzes, der die thematische Keimzelle des ganzen Werkes ist, wird
noch durch die Rückung nach cis-Moll (aus der virtuosen C-Dur-Umgebung eine
unerhörte Überraschung) unterstrichen.
Christian Köhn
Empfehlungen:
1963 - Svjatoslav Richter (EMI 5 66895 2)
1973 - Maurizio Pollini (DGG 447 451-2)
1985 - Murray Perahia (Sony MK 42124)
Weitere Empfehlungen:
1934 - E. Fischer (APR 5515)
1957 - J. Katchen (Decca 466 717-2)
1963 - L. Fleisher (Sony SBK 47667)
1966 - T. Joselson (Olympia OCD 350) (live)
1973 - B.L. Gelber (EMI CZS 762637 2)
1995 - N. Demidenko (Hyperion CDA 67091/2)