Johannes Ockeghem (ca. 1410-1497):
Missa Prolationum

(2. Hälfte des 15. Jahrhundert)

Nymphen des Waldes, Göttinnen der Quellen,
Kundige Sänger aller Nationen,
Ändert euren klaren, schönen Gesang
In durchdringende Schreie und Klagen.
Denn Atropos, die fürchterliche Tyrannin,
Hat euren Ockeghem gefangen in ihrer Falle,
Den wahren Schatzmeister der Musik, dies Meisterstück,
Gelehrt, mit eleganter Größe, nicht gedrungen.
Großes Unglück, dass die Erde ihn nun bedeckt.
Legt an eure Trauerkleidung
Josquin, Perchon, Brumel, Compère,
Und vergießt Fluten von Tränen:
Verloren habt ihr euren lieben Vater.
(Jehan Molinet)

Ockeghem - unablässige Verwandlung eines berückenden Gefüges von Klängen

Johannes Ockeghem, geboren um 1425 gestorben 6.2.1496 in Tours. Er ist einer der großen franko-flämischen Komponisten. Er wird 1443/44 als Chorsänger an der Kathedrale von Antwerpen erwähnt. 1448 war er Mitglied der Kapelle des Herzogs Charles I. von Bourbon in Moulins, dann bis an sein Lebensende in hochangesehenen Stellungen als 1. Kapellsänger und Kapellmeister am französischen Königshof, berühmt wegen seines gloriosen tiefen Basses - und seiner exzeptionellen Kompositionen. Alle großen Komponisten der Zeit waren seine Schüler: Josquin, de la Rue, Brumel und Compère. Aus Anlaß seines Todes verfaßten Dichter französische und lateinische Klagegedichte, das Trauergedicht von Jehan Molinet wurde von Josquin Desprez komponiert.

Missa Prolationum

Der Großteil der Werke Ockeghems sind die geistlichen Kompositionen. Erhalten sind die Messen Au travail suis, Caput, Cuiusvis toni, De plus en plus, Ecce ancilla Domini, L'homme armé, Mi mi und Prolationum (alle 4st.) sowie Quinti toni und Sine nomine (3st.). Ockeghems Requiem die früheste erhaltene mehrstimmige Totenmesse.

Ockeghems Musik verwirklicht das Ideal einer ununterbrochen, nahezu zäsurlos fließenden Polyphonie gleichartiger Stimmen mit ganz frei und asymmetrisch verlaufenden melodischen Linien. Die einzelnen Motive sind einer ständigen Veränderung unterworfen. Man bringt dieses rational kaum fassbare Strömen des musikalischen Flusses mit der in den Niederlanden neu aufblühenden Mystik in Verbindung: das sich stets verwandelnde Fliessen der Klänge als Symbol göttlicher Wesenskräfte.

Die Begeisterung der Zeitgenossen über die Kompositionen teilt sich auch heute noch mit, die kontrapunktische Leistung, die Ockeghems "Missa Prolationum" auszeichnet, steht auf einer Stufe mit Bachs Kunst der Fuge. Wenn man sich von der berückenden Schönheit der gesungenen Klänge löst und die Konstruktion der Messe betrachtet, ist man überwältigt.

Jeder Satz der Messe ist als Doppelkanon konstruiert, d.h. es gibt jeweils zwei Stimmen, die die gleiche Musik singen, allerdings in unterschiedlichem Metrum (2/4-, 3/4-, 6/8- und 9/8-Takt). Dazu ändert sich von Satz zu Satz die Intervalle des Einsatzes der Stimmen. Im Kyrie fangen beide mit dem gleichen Ton an, weil aber die eine Stimme die Noten schneller singt als die andere, bewegen sie sich auseinander. Im Christe kommt der Einsatz eine Note höher (in der Sekunde). im Kyrie II zwei Noten höher (in der Terz) und so weiter bis zum Osanna, wenn die zweite Stimme eine Oktave versetzt einsetzt: Symbol des Höhepunkts der Messfeier, die letzten Abschnitte stehen im Quint-, bzw. Quartabstand. Dazu sind die kanonischen Stimmen deutlich getrennt, wenn das eine Paar mit langen Noten einsetzt, dann das andere mit kürzeren. Eine Vielzahl von Mitteln setzt Ockeghem ein, wie etwa auch lange Pausen, so dass etwa das Christe aus zwei sukzessiven Duos besteht.

Ockeghem verwirklicht den Gedanken, die vier Mensurzeichen (Tempus perfectum, Tempus imperfectum, Prolatio maior, Prolatio minor) so miteinander zu kombinieren, dass daraus ein sinnvoller Satz entsteht, der nur in zwei Stimmen aufgezeichnet werden musste. Diese haben jeweils zwei Mensurzeichen, jeder Sänger liest denselben Text unter verschiedenem Mensurzeichen. Der kompositorische Schwierigkeitsgrad ist unüberbietbar, die Lösung von unfassbarer Perfektion.

Doch all das braucht man nicht zu wissen, um sich der lichtvollen Schönheit des Werkes hingeben zu können. Aus der Ähnlichkeit der Stimmen, hier durch die Kraft des Verstandes zum Äußersten getrieben, erwächst ein Netz von Beziehungen und Ähnlichkeiten, das die technischen Errungenschaften vor den Ohren der Hörer verbirgt, aber dank der Dichte der Komposition Wunderwelten des Klanges erzeugt. Die klare Gliederung und Überschaubarkeit von Dufay sind dem wohlorganisierten Urwald von Tönen gewichen, der verständigen Mystik.

Es lohnt sich wegen der Freiheit der Ausführung mehrere Einspielungen kennen zu lernen.

Peter Brixius

Johannes Ockeghem
Johannes Ockeghem - Diskographie
Johannes Ockeghem: Missa prolationum