Guillaume de Machaut (c.1300-1377): Messe de nostre Dame

Mit Persönlichkeiten wie Guillaume de Machaut löst sich zum erstenmal die Autorität eines Komponisten aus dem Geist der handwerklich-klerikalen Überlieferung, die bis dahin vorgeherrscht hat. Schon die Daten seiner Biografie sind beeindruckend. Er war u.a. Sekretär König Johanns von Böhmen, an dessen Reisen, Feldzügen und Zerstreuungen er teilnahm - und von dem er reich belohnt wurde. 1334 übernimmt er eine Präbende als Domherr an Notre Dame in Reims. Sein Lebenswerk ist umfangreich, es umfasst Balladen, Rondeaux, Virelais und Lais. Neben Philip de Vitry ist er der Hauptvertreter der Ars nova, einer Musikrichtung, die nach dem Traktat Ars nova (1322)von Philip de Vitry benannt, in scharfer Abkehr von der nun als Ars antiqua genannten traditionellen Musik die Möglichkeiten der Komposition erweitert. Zum ersten Mal gewinnt die weltliche Musik ein Übergewicht gegenüber der geistlichen, die Mehrstimmigkeit gewinnt an Gewicht. Obwohl die Wirksamkeit der Kunstmusik nur einen beschränkten Kreis der Hörer erfasst, verbot Papst Johannes XXII. mit der Bulle Docta Sanctorum die Aufführung dieser Musik in der Kirche - unter Strafandrohung.

Die Messe de nostre Dame ist ein einzigartiges Werk, das erst ein Jahrhundert später einen Nachfolger findet. Bis dahin hatte es nur Kompilationen von Einzelkompositionen der verschiedenen Messteile des Ordinariums gegeben, aus denen Messzyklen ausgewählt wurden. Auch waren die Kompositionen erst dreistimmig. Guillaume de Machaut schreibt die erste vierstimmige Messe als Zyklus, bei dem rhythmische Entsprechungen und melodische und klangliche Wiederholungen die einzelnen Sätze wie das ganze Werk als Einheit erscheinen lassen. Die fortgeschrittene Technik der Motettenkomposition wird auf die Komposition der Messe übertragen. Für die Zeit typisch ist die Komposition des "Ite missa est" als sechster Messeteil.

Wann die Messe entstand ist unbekannt. Vermutungen, dass sie zur Krönung Karl V. am 19.5.1364 geschrieben wurde, haben sich nicht bestätigt. Der Reichhaltigkeit der satztechnischen Merkmale wegen wird es wohl eine späte Schöpfung sein und das Gipfelwerk im Schaffen Machauts darstellen.

Der Eigenart der Messekomposition entsprechend findet man zwei Gruppen von Kompositionen in diesem Zyklus. Die textarmen Sätze (Kyrie, Sanctus, Agnus dei und Ite missa est) werden als isorhythmische Motette über einen liturgischen Text (im Tenor) komponiert. (Isorhythmisch heißt, dass eine rhythmische Struktur mehrfach wiederholt wird, wobei sich die Tonhöhe verändern kann. Diese isorhythmische Struktur entspricht nicht der Melodielänge, so dass im Gegeneinander eine Spannung aufgebaut wird.) Diese Isorhythmie betrifft alle vier Stimmen (zwei Oberstimmen, den Tenor und den Contra-Tenor). Textteile werden außerhalb dieses rhythmischen Schemas komponiert und heben sich daraus hervor, so wird jeder Kyrieruf als Einheit komponiert, die Sanctusrufe stehen vor der mit "dominus" einsetzenden rhythmischen Wiederholungen.

Die textreichen Sätze (Gloria und Credo) sind nach dem Conductus-Prinzip komponiert, hier wird der Text gleichzeitig deklamiert, die verschiedenen Abschnitte entstehen nach den Gesichtspunkten des Textes. Auch hier werden Textteile hervorgehoben, etwa die Lobpreisungen im Gloria (Laudamus te, benedicamus te, adormus te, glorificamus te")durch ungewöhnlich lang ausgehaltene Töne auf dem jeweiligen "te". Im Credo wird das "ex virgine Maria" durch eine Folge gleich langer Noten in allen Stimmen auszgezeichnet.

Je mehr man in die Messe hinein hört, umso mehr ergreift einen die Schönheit des Satzes wie die Vielgestalt des Ausdruckes. "Für mein Gefühl ist es fantastisch zu hören, wie positiv phasenlos, also irgendwie jenseits von metrischen Setzungen, die Musik vor sich fließt, wie sie mal auf einen Klang zielt, wie sie dazwischen herumwuselt und wunderbar diesen musikalischen Schluckauf auch einzusetzen weiß. Ich finde ja vor allem angenehm schön, dass diese Musik eben noch vor der Dur-Moll-Geschichte spielt und die leeren Quintklänge zu Beginn und am Ende eine positive Leere vermitteln, ja, vielleicht eben einen anderen musikalischen Raum beschreiben oder andeuten. Irgendwie scheint mir das Fremd-Vertraute da einen Grund zu bilden. Es ist ja nicht Musik vom Mond. Solche Musik ist möglicherweise eben doch mitgehört in späterer Musik, so unter der Oberfläche. Man ist ja nicht vor den Kopf gestoßen. Es ist so eine merkwürdige quadratische Musik." (Martin Hufner)

Die Einspielungen sind schon deshalb unterschiedlich, weil vieles unbestimmt ist und von den Interpreten entschieden werden muss, so hat Machaut ein Kyrie I, ein Christe und zwei Kyrie II komponiert. Von der Abwechslung mit dem gregorianischen Gesang, dem Wechsel zwischen Soli und Chor bis hin zu der mehrfachen Wiederholung hat jede Einspielung ihre eigene Lösung gefunden.

Meine CD-Empfehlungen:

1) Deller Consort (dhm 05472 77416 2)
2) The Hilliard Ensemble (hyperion CDY66358)

Zuverlässig auch die Oxford Camerata unter Jeremy Summerly (Naxos). Die Parrott-Einspielung simuliert ein ganzes Hochamt inklusive Glockengeläut. Clemencic geht noch weiter, feiert ein mittelalterliches Marienfest mit Bettler, Einzug in die Kirche und einer Vielzahl von Einschüben in die Messe Machauts, die auch ein weltliches Virelai mit einbezieht. Bunt (wenn auch nicht so bunt wie bei Clemencic) ist auch die Einspielung von Obsidienne, die aber die Einheit der Messe beibehält. Sie bringt nach dem Credo einen Auszug aus der Déploration sur la mort de Machaut:

Alle betrauern

"la mort Machaut, le noble rethouryque
O flour de flour de toute melodie,
Tres doulze maistres qui tant fustes adroit;
O Guillaume, mondains diex d'armonie
Apres vos faits, qui obtiendra le choys
Sur tout fayseurs?"

(den Tod Machauts, des edlen Dichters,
Blume der Blumen, Blume aller Melodien,
Zarter Meister, der so viel Kunst zeigte;
O Guillaume, irdischer Herrscher der Harmonie,
nach deinen Taten, wer soll den Platz nun einnehmen
über alle die Künstler?)

Peter Brixius

Machaut: La Messe de Nostre Dame
Guillaume de Machaut
International Machaut Society