Texte
Im Mai 1990 arbeitete Giselher Klebe an einer Komposition für Klavier zu vier Händen. Die ursprüngliche Formidee war die eines "Carillons", eines eher heiteren Glockenspiels (aus diesem Ansatz ist ein Klavierstück ohne Opuszahl entstanden, welches Peter Roggenkamp am 14.6.1990 in Hamburg uraufführte). Die Nachricht vom Tode Luigi Nonos am 8.5.1990 erreichte den Komponisten während der Arbeit und löste eine völlige inhaltliche Umorientierung aus: Aus dem freundlichen, spielfreudigen und heiteren Carillon wurde eine bestürzend intensive, höchst dramatische und unmittelbar ergreifende Bekenntnis- und Trauermusik. Interessant ist dabei, dass Klebe das Material des Carillons im Wesentlichen beibehielt, und lediglich durch Erweiterung, klangliche und rhythmische Schärfung sowie Steigerung der Kontraste die totale inhaltliche Umkehrung erreichte. So ist beispielsweise das "Glockenspiel" zu einem geradezu bedrohlichen Geläut angewachsen. Das in freier Zwölftontechnik geschriebene Werk basiert auf einer Reihe kurzer, wiederkehrender, prägnanter Motive. Der erste Abschnitt steigert sich von ruhigen "Glockenschlägen" in mehreren Stufen zu einem ersten dramatischen Höhepunkt und kehrt dann zum Beginn zurück. Der zweite Abschnitt ist vor allem durch Kontraste bestimmt: Nach einem schwer ("pesante") schreitenden, trauermarschähnlichen Teil, der durch scharfe Fortissimo-Akkorde unterbrochen und mit einer einfachen, mehrfach wiederholten akzentuierten Melodie erweitert wird, folgen ruhige Arpeggien neben harten, scharf rhythmisierten Zwölftonakkorden und kurzen heftigen Passagen. Am Ende dieses Abschnittes erscheinen erstmals die beiden für den folgenden Hauptteil charakteristischen Motive: Ein fanfarenartiges Terzenmotiv sowie ein vor allem rhythmisch geprägtes, zunächst fünftöniges, später auch sechs- und siebentöniges "Glockenmotiv". Letzteres wird nun vom Primo-Spieler unentwegt mit höchster Intensität variiert wiederholt, während der Secondo-Spieler dazu schwere Akkorde, Melodiefragmente, kurze rhetorische Figuren und Passagen spielt. Die Gleichzeitigkeit des mit geradezu gefesseltem Rhythmus immer wiederkehrenden Glockenmotivs und der frei dagegen gespielten Teile ergibt eine unerhörte dramatische Spannung, die nach fast 90 Takten in der Katastrophe des gemeinsam erreichten Fanfaren-Motivs gipfelt. Nach einer langen Fermate bleiben verschiedene Motive wie Bruchstücke übrig, das Fanfarenmotiv wird noch zweimal wiederholt, bevor vier schwere Zwölftonakkorde das Werk beenden.
Die Spieldauer beträgt ca. 10 Minuten, es existieren zwei Einspielungen mit den Interpreten der Uraufführung. Das Werk ist erschienen im Bärenreiter-Verlag.
Christian Köhn