Texte
Hildegard, eine benediktinische Nonne, Komponistin, Dichterin, Theologin und Mystikerin, ist eine Kultfigur eines Teil der Musikszene, die die Panegyrik der Heiligengeschichtsschreibung wörtlich nimmt, Teil einer Vermarktungsindustrie, die sehr wenig im Sinne hat, sich wie sie jahrelang einmauern zu lassen, nur mit einem Fenster zur Außenwelt, die ihre Musik und ihre Einstellungen in einer verlogenen Vergegenwärtigung fälscht.
Wer sich in den Lebensbeschreibungen dieser Zeit auskennt, weiß, dass er sehr vorsichtig mit den Quellen umgehen muss, deren Wahrheitsgehalt sich weniger an einer tatsächlichen Biografie orientieren als an der Vorstellung, wie diese Biografie wohl aussehen müsste, um die Botschaft zu vermitteln, um die es geht. Wenn man Glück hat, widersprechen sich die Quellen, und wo sie es nicht tun, ist es nicht falsch, ein "wahrscheinlich" da zu setzen, wo man nicht auf sicherem Grund steht. Die Lebenszeugnisse Hildegards sind geschrieben, um ihre Kanonisierung als Heilige zu erreichen - ein Prozess, den die Kirche nicht abgeschlossen hat, nicht zuletzt, weil schon zur Zeit Hildegards sich eine moderne Sicht der Heiligkeit durchsetzte, die sich an den neu entstandenen Ideen der Armut und der Demut von Franziskus von Assisi orientierten.
Als man sie als junges Mädchen ins Kloster gab, lebte sie mit Jutta von Sponheim, mit der sie gemeinsam den Schleier genommen hatte, in einer Zelle zusammen. Die von Hildegard als "indocta" bezeichnete Jutta lehrte Hildegard das Lesen und Schreiben, theologische Unterweisung erhielt Hildegard wahrscheinlich durch ihren Beichtvater, dem Mönch Volmar. Dem Kloster St. Disibod, in dem Jutta und Hildegard lebten, traten weitere junge Adelsfrauen bei. Als Jutta starb, änderte Hildegard den eremitischen Lebensstil der Gemeinschaft durch einen nach außen gewandten, der durchaus auch Einfluss auf das politische Geschehen nahm. Dabei verhalf ihr die Neugründung des Klosters bei Bingen, die sie gegen den Abt und die Mönche von St. Disibod mit Hilfe des Erzbischofs Heinrich von Mainz durchsetzte, zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit.
Ein Briefwechsel mit der Äbtissin Tenxwind von Andernach, den Helga de la Motte-Haber in ihrem Buch "Musik und Religion" kommentierend darstellt, wirft ein Licht auf die Zeitenwende, die etwa von Barbara Thompson für ihr Bild von Hildegard in Anspruch genommen wird. Tenxwind fragt erstaunt an, dass sie Wunderbares über Hildegards Heiligkeit und die Gewohnheiten ihres Konvents erfahren habe: Beim Psalmsingen trügen Hildegards "virgines" über dem herabwallenden Haar goldgewirkte Kronen, und ihre seidenen, leuchtendweißen Kleider fielen bis zum Boden herab. Nichtadelige und weniger Reiche würden an der Klosterpforte abgewiesen. Habe aber nicht Jesus selbst "Fischer, Niedrige und Arme" zu Aposteln gemacht, und habe Gott nicht, das "Niedrige und Verachtete" anstelle der "Hochmächtigen und Hochedlen" erwählt?
Helga de la Motte-Haber zitiert die Antwort Hildegards: "Über das Ansehen einer jeden Person gibt auch Gott das abschließende Urteil. Er zielt darauf, daß sich der geringere Stand (ordo) nicht über den höheren erhebt, wie es der Satan und der erste Mensch taten, die höher hinaus wollten, als es ihre Stellung erlaubte. [...] Gott hat ja im Volk Unterschiede gesetzt, auf Erden wie auch im Himmel, indem er auch dort Engel, Erzengel, Throne, Herrschaften, Cherubim und Seraphim voneinander schied." (Helga de la Motte-Huber: Musik und Religion, Laaber 1995, S. 39f.)
Hier sieht de la Motte-Huber zu Recht das Aufeinanderprallen von urchristlichem Gleichheitsgebot und dem traditionell aristokratischen Ständedenken des Benediktinertums. Und Hildegards heute so bewunderte Texte sprechen auch von der "als heilgeschichtlich notwendig erklärten Herrschaftsqualität des Adels", deren Ablehnung eine Ursünde sei.
Das adelige Selbstbewusstsein Hildegards äußert sich nicht zuletzt in der Schlussvision des "Svicias", bei der die Himmelsbewohner sieben der von Hildegard verfasste Lobgesänge anstimmen, beginnend mit der Marienantiphon "O splendidissima gemma" (O strahlendheller Edelstein).
Hildegards Kompositionen sind Teil ihrer mystisch inspirierten Tätigkeit, es sind einstimmige Melodien, die durch die dichte melodische Ornamentierung gekennzeichnet sind. Ihre Eigentümlichkeit ist umstritten, während man früher ihre Melodien mit karolingischen Proprien verglich, von denen sie sich deutlich unterschieden, zieht man in neueren Untersuchungen zeitgenössische Melodien heran, die ähnliche Merkmale aufweisen. Faszinierend dabei ist ein Patchwork von musikalischen Motiven, die immer wieder neu miteinander kombiniert werden, so dass melodische Mosaiken entstehen. Durch die Vielfalt der Kombinierbarkeit steht ein großer Reichtum an langen Melodien und Phrasen zur Verfügung, die eng mit den syntaktischen und semantischen Komponenten der zugrunde liegenden Texte verbunden sind.
Wie die notierten Melodien ausgeführt werden können, ist in hohem Maße spekulativ. Insbesondere die bei dem Ensemble "Sequentia" reichlich beigefügten Instrumente gehören wohl kaum in den Raum der für den liturgischen Gebrauch geschriebenen Kompositionen.
In den Gesprächen von Reinhold Brinkmann und Wolfgang Rihm (conBrio: http://www.conbrio.de/musikbuch/musik-nachdenken/musik-nachdenken.php) finden sich auch Überlegungen über konstruierte Komponisten. Genannt wird da u.a. Hildegard von Bingen:
"RB: Ein zweiter Fall, bei dem die Musikwissenschaft zumindest eine Mitschuld hat, ist Hildegard von Bingen und die Auffassung, in ihr habe man eine bedeutende mittelalterliche Komponistin. In Wirklichkeit ist Hildegard von Bingen von Anfang bis Ende eine Konstruktion. Alle musikalischen Quellen, die wir haben, kommen aus wesentlich späteren geschichtlichen Zusammenhängen, da wird eine Hildegard von Bingen behauptet oder es werden ihr Dinge zugeschrieben, weil sie bereits begann, in anderen Bereichen berühmt zu werden, und so fort."
Für eine erfundene Komponistin, so der Resümee, braucht man keine Tantiemen zu zahlen - und schon entwickelt sich ein Riesenmarkt, bei dem Gläubige zu den tatsächlichen und zu den virtuellen Stellen ihres Wirkens wallfahrten. Eine sehr virtuelle Stelle ihres Wirkens sind ihre Kompositionen.
Peter Brixius
Hildegard von Bingen
Hildegard von Bingen - Diskographie
Hildegard von Bingen