Texte
Die Geschichte der DDR war nicht mit ihrem hoffnungsvollen Beginn identisch. Schon bald zeigte sich, wie kompliziert eine wirklich aufgeklärte Gesellschaft zu realisieren ist. So stimulierten die innergesellschaftlichen Reibereien, der Drang zur Unterdrückung und Reglementierung durch den Staatsapparat, die allseitige Ignoranz, an der Aufklärung engagiert und kollektiv weiterzuarbeiten, Eisler 1961, die "Ernsten Gesänge" zu komponieren - eine Komposition, die dem puren Aktionismus der neuen Gesellschaft einen fragenden Spiegel vorhält und gleichwohl den Hoffnungsschimmern ("XX. Parteitag") Vertrauen schenkt. Es klingt damit endlich die Überzeugung durch, daß eine Gesellschaft verkommen muß, in der den Einzelnen nicht auch ein persönlicher Glücksanspruch zugestanden wird. Das Epigramm Hölderlins zu Beginn erklärt alles: Alles über die Stücke, ihre Gestalt und über die Biographie Eislers: "Viele versuchten umsonst, das Freudigste freudig zu sagen, hier spricht endlich es mir, hier in der Trauer sich aus." Die "Ernsten Gesänge" sind Eislers letztes, ein sehr intimes, ja geradezu irrationales Werk, von dem er sagte: "Weiß der Teufel, warum ich das geschrieben habe!"
Eisler wählte für seine acht "Ernsten Gesänge" Texte von Hölderlin (Vorspiel und Spruch, Nr 1, Nr 4, Nr 6), Bertolt Viertel (Nr 2), Leopardi (Nr 3), Helmut Richter (Nr 5) und Stephan Hermlin (Nr 7) und die Besetzung Bariton mit Streichorchester. Mit diesen Stücken realisiert Eisler etwas Einmaliges: Er benutzt durchweg in kleinsten Dosierungen Schönbergsche Verfahren - kokettiert mit der Zwölftontechnik, wählt sich charakeristische Intervallgestalten für die einzelnen Stücke -, doch zugleich ist Eislers Musiksprache von einer nirgends plump gemeinten Sentimentalität bestimmt: gewiß Resultat seiner eigenwilligen Auffassung von Tonalität, die deutlich von Brahmsschen Erfahrungen herrührt. Außerdem bricht Eisler keineswegs mit seiner musikalischen Vergangenheit: Wer genau hinhört, findet hier den ganzen Eisler wieder.
Martin Hufner
Subject: Hanns Eisler
Internationale Eisler-Gesellschaft
Günther Leib, Berliner Sinfonie Orchester, Dir.: Günther Herbig
Günther Leib, Staatskapelle Dresden, Dir.: Otmar Suitner