Texte
Guillaume de Dufay verschmolz die Musiktradition Frankreichs mit italienischen und englischen Anregungen zu einer großartigen Synthese. In seinem Werk stehen geistliche und weltliche Musik gleichberechtigt nebeneinander. Ausgehend von italienischen Vorbildern fand er zu einer Harmonik, die auf dem dominantischen Tonalitätsprinzip beruht. Die für die englische Musik charakteristische Klangfülle führte zu der Entwicklung des Fauxbourdons (die Oberstimmen werden in Quartparallelen geführt und von der Unterstimme zu Sextakkorden bzw. an den Schlüssen zu Quint-Oktav-Klängen ergänzt).
Als Cantus firmus wurden nicht mehr die gregorianischen Choralmelodien verwandt (wie bei Guillaume de Machaut), sondern auch weltliche Liedmelodien. Sie wurden in den Tenor gelegt und in den verschiedenen Sätzen des Messezyklus variiert (Tenormesse).
Ausdruckskraft und sinnliche Schönheit der Musik Dufays haben schon seine Zeitgenossen als überwältigendes Ereignis empfunden, so etwa Johannes Tinctoris, der in seiner Ars contrapuncti (1477) mit Bezug auf Dufay schrieb, erst seit etwa 40 Jahren gebe es anhörenswerte Musik.
Die Melodie "L'homme armé" war außerordentlich beliebt. Allein in der Renaissance entstanden mindestens 31 Vertonungen über diesen cantus firmus, von Josquin des Prés allein zwei, noch Palestrina schrieb eine Messe über diesen Titel. Vermutlich ist sie die Tenorpartie eines dreistimmigen Liedes gewesen (evt. von Busnois). Die lange Serie der auf "L'homme armé" beruhenden Vertonungen kam erst im 17. Jahrhundert in einem zwölfstimmigen Werk Carissimis prachtvoll zum Ende.
Der Text ist der Lob eines bewaffneten Mannes (L'homme armé doibt on donter. On a fait partout crier, que chascun se viengu' armer d'un haubregon de fer. Fürchte den bewaffneten Mann, man hört, dass jeder ein Haubergeon aus Eisen anlegen soll. Haubergon = ärmelloses Kettenhemd).
Es wird sich auf einen konkreten Herrscher bezogen haben, vielleicht auf Karl den Kühnen, einem großen Förderer der Tonkunst sowie einem kriegerischen Mann. Später wurde es auch auf Christus bezogen, dessen Waffen die Werkzeuge und Wundmale der Kreuzigung sind.
Die Messe ist vierstimmig, wobei Passagen mit drei oder zwei Stimmen gliedernden Charakter haben. Die Einzelstimmen individualisieren sich melodisch-rhythmisch. Durch die Verwendung des weltlichen cantus firmus geht der ursprünglich liturgische Bezug verloren, dafür aber wird die Messe als Zyklus einheitlich. "Die Messe" ist jetzt ein musikalisches Kunstwerk.
Eine Analyse der Messe bringt eine Vielzahl von verbindenden Strukturen, die häufig durch Zahlenbeziehungen konstituiert werden. Der Hörer braucht sie nicht zu kennen, er vernimmt einer außerordentliche Geschlossenheit und Dichte der musikalischen Faktur und eine überwältigende Vielfalt musikalischen Ausdrucks.
Dufays Kompositionsstil lässt sich so charakterisieren: der Fluss alle Stimmen ist gesanglich bestimmt, die Melodien werden nach harmonischen Prinzipien geformt, der reiche Gebrauch der Diskant- und der Fauxbourdon-Technik ergibt klangliche Schönheit und Dichte. Der Bass ist der Harmonieträger, der Tenor die Gerüststimme (die den cantus firmus trägt) und konstruktive Achse, die beiden oberen Stimmen sind Träger des Melos. In der Anlage der Sätze findet man starke Kontrastwirkungen, dabei hat jede Stimme ihre Eigenständigkeit.
Zugrunde gelegt habe ich die Einpielung der Messe durch die Oxford Camerata unter Jeremy Summerly, erschienen bei Naxos (8.553087)
Peter Brixius
Guillaume Dufay
Guillaume Dufay - Diskographie
Guillaume: Missa "L'homme armé" (französisch)