Josquin Desprez (ca. 1455 - 1521)
La déploration de Johannes Ockeghem:
Nymphes des boys

(1495)

Jenseits des schwarzen Flusses

Josquin Desprez, auch des Prés, des Prez, gewöhnlich nur mit dem Vornamen Josquin genannt, wurde um 1440 geboren, vielleicht Beaurevoir (bei St-Quentin). Auf dem Sterbebett gab er auf die Frage nach seiner Herkunft die Antwort: "Von jenseits des Noir Eauwe", aus jenem Land, das einst zu Burgund, nun zu Frankreich gehörte. Er starb am 27.8.1521 in Condé als Probst des Domkapitels.

Josquin war franko-flämischer Komponist, 1459-74 Kapellsänger am Mailänder Dom, wirkte danach in der Privatkapelle des Galeazzo Maria Sforza. Gösta Neuwirth schildert detailreich sein Verhältnis zu Galeazzo bis zu dessen Ermordung im Mailänder Dom wie dessen Repräsentation im Werk Josquins (Erzählung von Zahlen in: Musik-Konzepte 26/27 "Josquin des Prés", 1982). Er stand 1476 in Diensten des Kardinals Ascanio Sforza, den er nach Rom begleitete, und war dann 1486-99 in der päpstlichen Kapelle in Rom. Die Sforzas gehörten zu den Renaissance-Geschlechtern, bei denen sich Machtgier und Herrscherbewusstsein, Grausamkeit und Kunstliebe in einzigartiger Weise vereinigten.

Anschließend ging er nach Mailand und Ferrara, wo er bis 1505 blieb. Ercole I., Herzog von Ferrara, dem Josquin seine Missa "Hercules dux Ferrariae" widmete, hatte den Ehrgeiz, den besten Sänger nach Ferrariae zu bringen. Bei der Einstellung wurde Josquin, der übertragen als gekröntes Haupt bezeichnet wurde (Zeitgenossen nannten ihn den Fürsten der Musik) für 200 Gulden Jahresgehalt eingestellt, obwohl man warnte, Josquin komponiere, wann er wolle und nicht wann man es von ihm erwarte. Mit diesem Gehalt war Josquin der höchstbezahlte Sänger und Leiter der Cappella in deren Geschichte. Er verließ Ferrara wohl aus Furcht vor der nahenden Pest. Sein Nachfolger Jacob Obrecht (Jahresgehalt 100 Dukaten), blieb auch nur ein Jahr in Ferrara, dann starb er an der Pest.

Bis 1515 war Josquin in Frankreich, im Dienste Ludwig XII. Aus dieser Zeit stammt die Anekdote um Josquins Chanson "Guillaume se va chauffer". In dieser Chanson besteht der Tenor nur aus einer Note, die von vorn bis hinten gehalten wird. Josquin soll diese Chanson auf Wuusch Ludwigs geschrieben haben, der seinen Ehrgeiz darein setzte, einmal mit Josquin und seinen Kollegen zusammen etwas zu singen. Josquin sang übrigens wie Ockeghem einen exzeptionellen Bass.

Josquins Kompositionen, sein Stil und sein Nachruhm

Von Josquins Kompositionen sind drei Bücher mit 5, 6 und 6 4-6st. Messen sowie die Messe Pangue lingua erhalten. Weiter komponierte er Chansons und Motetten. In seinen Messen knüpft Josquin bei Dufay an, in seinen Chansons schafft er die ausdrucksbetimmte durchimitierte Chanson, damit einen neuen Typus. Am kühnsten ist er in seinen Motetten, die im Mittelpunkt seines Werkes stehen, in denen er aus dem Text seine Inspiration schöpft.

Josquin ist der berühmteste Meister der Zeit um 1500, der die franko-flämische Schule zur epochalen Geltung bringt. Sein Nachruhm findet sich kontinuierlichals einer der größten Komponisten aller Zeiten. Reichtum in der Beherrschung der Stile und künstlerische Kraft überwältigen, Wörner nennt ihn den ersten ganz großen Expressivkomponisten. Sein Lob singt Luther, italienische Zeitgenossen vergleichen ihn mit Michelangelo, aber auch noch etwa Andrea Adami (1711) schreibt: "il lume maggiore di questa gran scienza, dal quale imparono tutti i contrapuntisti che vennero dopo di esso" und fügt hinzu: "non v'ha dubbio che fu Josquin uomo di gran talento di cui parla e parlerà sempre la fama" (die Leuchte dieser großen Wissenschaft, von der alle Kontrapunktisten gelernt haben, die nach ihm gekommen sind ... Es gibt keinen Zweifel, dass Josquin ein Mann von großen Genie war, von dem der Nachruhm immer spricht - und sprechen wird). Bei Josquin beginnt der Prozess der Versprachlichung der Musik, die Wortinterpretation bestimmt stellenweise die Gliederung der Form und die Wahl der Motive.

Sein Stil ist in Weiterentwicklung der Errungenschaften Dufays vor allem durch Klarheit, symmetrische Anlage und subtile Wortausdeutung gekennzeichnet. Wie noch nicht zuvor ist die Musik klar und übersichtlich gegliedert, gegensätzliche Gruppen und Perioden gliedern die Stücke, das Prinzip der Wiederholung kleiner Abschnitte, Sequenz und Ostinato und vor allem die zunehmende Durchimitation bestimmen die Dichte des Satzes, der meist vierstimmig, häufig zu zweistimmigen Abschnitten reduziert wird. Von der Rhythmik des Textes her bestimmt findet er zu knappen und präzisen Melodieformeln, es ergeben sich charakteristische Motive. Dazu kommen Chorspaltungen und das Gegenüberstellen verschiedener Stimmengruppen, Häufungen und Konzentration kontrapunktischer Verflechtungen, alles Mittel für die überlegene architektonische Gestaltung des Werkes - aber auch der klanglichen Disposition.

Durch vielfältige Tonsymbolik (z.B. Triolen als Symbol der Dreieinigkeit) deutet Josquin seine Texte konsequent aus. Im Spätwerk erreicht er eine vollkommene innere Einheit aus Wort- und Tonausdruck.

La déploration de Johannes Ockeghem

Dieses Werk entstand in Condé, gehört also zum Spätwerk Josquins:

Nymphes des boys, déesses des fontaines,
Chantres expers de toutes nations,
Changés vos vois fort clères et haultaines
En cris trenchans et lamentations.
Car Atropos, très terrible satrappe,
A vostre Ock'ghem attrappé en sa trappe,
Vray trésorier de musique et chief d'oeuvre,
Dot, élégant de corps et non point trappé.
Grand dommaige est que la terre se coeuvre.
 
Accoustrès vous d'habis de deoul
Josquin, Perchon, Brumel, Compère,
Et plouré grosses larmes d'oeul:
Perdu avès vostre bon père.
 
Qu'il repose en paix.
Amen
 
Ténor:
Donner-leur le repos éternel. Seigneur,
et que la lumière brille à jamais sur eux.

(Nymphen des Waldes, Göttinnen der Quellen,
Kundige Sänger aller Nationen,
Ändert euren klaren, schönen Gesang
In durchdringende Schreie und Klagen.
Denn Atropos, die fürchterliche Tyrannin,
Hat euren Ockeghem gefangen in ihrer Falle,
Wahrhaft Schatzmeister der Musik und Meisterstück,
Gelehrt, mit elegantem Körper, nicht gedrungen.
Großes Unglück, dass die Erde ihn nun bedeckt.
 
Legt an eure Trauerkleidung
Josquin, Perchon, Brumel, Compère,
Und vergießt Fluten von Tränen:
Verloren habt ihr euren lieben Vater.
 
Er möge in Frieden ruhen.
Amen
 
Tenor:
Herr, schenke ihnen die ewige Ruhe,
und das ewige Licht leuchte ihnen.)

Der dichte, imitatorisch durchflochtene Satz spricht von der tiefen Melancholie, die alle Werke Josquins seit etwa 1480 prägt. Die Freiheit, die Josquin in der Komposition durch seine Gönner gewährt wurde, machte ihn frei, in der Musik Trauer auszudrücken über die Welt voll menschlicher Leiden. Wo Guillaume Dufay die Utopie eines menschlichen Menschseins in einer missglückten Welt (so Gottwald) hineinträumte, findet Josquin eine Musik, in der ein beschwerliches Werden existenzielle Tiefe gewinnt: "Ich bin, aber ich habe mich nicht, darum werden wir erst." (Bloch)

Zur Interpretation Josquins

Stenzl ("In das Reich der schönen Kunst ganz einzutreten, war ihm nicht beschieden" in: Josquin des Prés. Musik-Konzepte 26/27) macht darauf aufmerksam, dass Musik wie die Josquins, zum musikalischen Freiwild wird, wenn die Fremdheit seiner Werke für ein neuzeitlich geprägtes Musikbewusstsein und Musikhören gekappt wird. Als Beispiel zitiert er Diether de la Motte, bei dem Geschichte verschwindet und Josquin ganz unser ist:

"Wer bisher nur klassisch-romantische Musik kennt, wird unmittelbaren Zugang zu Josquins Musik finden können, da er die Dramatik Beethovens, die Inbrunst des Winterreise-Komponisten, die Leidenschaft eines Brahms trnsportiert in eine frühere musikgeschichtliche Situation wiedererkennen kann." (Kontrapunkt. S. 9)

Übersehen wird, wie verschlüsselt in der Renaissance "Affekte" zu musikalischer Darstellung gelangten. So scheinbar unmittelbar das Affektive der Musik Josquins von uns wahrgenommen wird, so gehört das Ferne, das Unverständliche gleichzeitig hinzu, das sich erst einem Studium der Werke erschließen kann. Die Liquidierung dieser Ferne macht eine große Anzahl der Einspielungen Josquins zu einem ungenügenden Einstieg.

Die historisch orientierte Aufführungspraxis hat dem nicht unbedingt abgeholfen. Sie schuf Monteverdi fürs Opernpublikum, derb-deftige Fress- und Sauflieder für die folkloristischen Grünen der Musikszene, edle elisabethanische Consort-Musik für die Antiquitätensammler aus dem Konzertpublikum (Barbara Zuber: "Josquin Desprez - eine Nachrede auf alle künftigen 'historisch-authentischen' Aufführungen seiner Werke" in: "Josquin des Prés" Musik-Konzepte 26/27). Zuber findet denn auch dick dahinströmenden Chorklang, der bei voller instrumentaler und vokaler Besetzung ein Volumen "vortäuscht, in dem die zwei- und dreistimmigen, ihre Transparenz untergehen. Wird der Cantus firmus instrumental hervorgehoben. bzw. dynamisch überbetont, geht das Gefüge der Stimmen verloren. Kontrapunktierende Stimmen sinken auf den Status einer undifferenzierten Begleitung. Oder es wird großer, hallender Chorklang angestrebt, die colla parte spielenden Instrumente erhalten eine fast orchestrale Begleitfunktion (Beispiele bei Zuber).

"Zu wünschen wäre die Erkenntnis, daß große Musik nur partiell zusammenfällt mit der Geschichte, in die sie verwoben ist, daß ihr besseres Teil vielmehr herausstrebt aus den gedrückten Verhältnissen, in denen sie entstand. [...] Authentische Wiedergabe heute heißt nicht mehr und nicht weniger, das an der Musik zur Sprache zu bringen, was über den historischen Stand hinausreicht, nicht das zu repetieren, was als historische 'Gegebenheit' der Entfaltung der Musik sich in den Weg stellte. Dieses wurde bereits durch die Geschichte abgehakt." (Clytus Gottwald in Musica 34 (1980))

Meine Empfehlung:
 
Josquin Desprez: Motets (Orlando Consort) Archiv-Produktion 463 473-2 (1999)

Peter Brixius

Josquin Desprez
Josquin Desprez - Diskographie
Josquin Desprez (französisch)
Josquin Desprez Links - (deutsch)
Josquin Desprez: Déploration de Johannes Ockeghem