Texte
Luigi Boccherini (1743-1805), mit knapp 20 Jahren einer der erfolgreichsten und gefeiertsten Komponisten und Cellovirtuosen in Mailand und Paris, hat einen seltsamen Weg nahezu in das völlige Vergessen der Musikwelt genommen. Geblieben ist in der Wahrnehmung das schon als verhängnisvoll zu nennenden Menuett aus dem Streichquartett E-Dur op. 13 Nr.5, beatmet als bis zum Erbrechen wiederholtes Thema im Film "Ladykillers" mit Peter Sellers und Alec Guinness sowie in bizarrer Vergewaltigung als Titelmelodie des DDR-Klassikers "Der schwarze Kanal". Bestenfalls meint man, in ihm einen eher harmlosen und überholten Vertreter des galanten Rokoko erkennen zu müssen. Und so wurde er meistens auch gespielt.
Boccherini ist nichts weniger als - neben/nach - Haydn und Mozart der bedeutendste Symphoniker und Kammermusikkomponist seiner Zeit. Seine Entscheidung, im Jahre 1768 bis an sein Lebensende an den spanischen Hof nach Madrid und später nach Avila, seit Ausklang der Renaissance also quasi in die musikalische Mongolei zu ziehen, war marketingtechnisch sicherlich verhängnisvoll. Ob es dies auch für seine musikalische Entwicklung war, kann bezweifelt werden. Er war in der Abgeschiedenheit praktisch gezwungen, originell zu werden. Seine Musik setzte sich nicht, wie die meisten seiner in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geborenen Zeitgenossen, mit dem barocken Erbe auseinander, sondern war von Anfang an von erstaunlicher Modernität und praktisch ohne Vorbild. Seine ca. 30 Symphonien, vor allem die Späteren, lassen am ehesten Parallelen zu den Sturm-und-Drang-Symphomnien Haydns, mit dem er wohl in gelegentlichem Kontakt stand, zu. Es soll aber auch nicht verschwiegen werden, daß er sicherlich kein Erneuerer war oder innerhalb einer Traditionslinie stand und diese vorantrieb. "Nie hat es einen originelleren Komponisten als Boccherini gegeben. Die absolute Eigenständigkeit seiner Ideen macht jedes seiner Werke zu einer bemerkenswerten Schöpfung, und man könnte glauben, er habe nie eine andere Musik als die eigene gekannt"(Francois-Joseph Fétis, 1851).
Die Auswahl fällt schwer, als Apptitanreger scheint mir die 26. Symphonie wegen ihrer anmutigen Frische, den wunderbaren Melodien und der schlanken, aber wirkungsvollen Instrumentation besonders geeignet.
Die 1788 für Friedrich Wilhelm II. von Preußen, seinen auswärtigen Mäzen, geschriebene Symphonie besteht aus 4 Sätzen. Das Allegro vivo assai reißt einen trotz des c-moll wegen seiner Frische sofort in seinen Bann. Es macht Spaß, den reizvollen Dialogen der verschiedenen Instrumentengruppen zu folgen. Der als Pastorale. Lentarello überschriebene Satz verströmt eine wunderbare, fast meditative Harmonie, exquisit ist das Zusammenspiel der Streicher und Holzbläser. Beim Hören steigt in mir das Bild eines sanft im Abendwind wiegenden Kornfeldes auf. Das kurze Minuetto (Allegro) weckt einen nicht unsanft mit tänzelndem Staccato in den tiefen Lagen der Streicher unter einer eingängigen, ländlerartigen Melodie, ein von den Holzbläsern zu verantwortender moll-Dur-Wechsel hellt die Szene kurz auf. Erwartungsgemäß dreht das Finale (Allegro) noch etwas auf, verläßt aber nicht mehr das wohltuende moll, was verhindert, daß die Angelegenheit allzu leichtgewichtig wirkt.
An Einspielungen stehen mir zur Verfügung: - Michael Erxleben, Neues Berliner Kammerorchester, Capriccio 1993 midprice - Jeanne Lamon, Tafelmusik, Sony 1993 - Akademie für Alte Musik Berlin, harmonia mundi 1997 lowprice Die Letztgenannten beiden sind mit historischen Instrumenten bzw. Nachbauten von solchen nach den Grundsätzen der historisch informierten Aufführungspraxis (hip) eingespielt. Obwohl mir alle drei Aufnahmen sehr gut gespielt erscheinen, möchte ich den hip-Einspielungen den Vorzug geben. Die Musik Boccherinis hat sehr lange an der Zopfigkeit und Harmlosigkeit gekrankt, mit der sie von konventionellen Orchestern behandelt wurde. Die größere Transparenz, Durchhörbarkeit der verschiedenen Instrumentengruppen, das bessere Klangbild sowie die Straffheit der hip-Aufnahmen tun den zu oft mit Saccharin geschundenen Werken dieses Komponisten einfach gut. Meine Empfehlung wäre nicht zuletzt unter Berücksichtigung des z.Zt. lächerlichen Preises von EUR 4,95 sowie der attraktiven Kopplung mit den weiteren Symphonien Nrn. 8, 19 und 27 die AkAMus-Aufnahme.
Andreas Hartrodt