Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur

op. 58 (1807)

Episode und Unendlichkeit

Das vierte Klavierkonzert steht in einem ganz merkwürdigen Verhältnis zur fünften Sinfonie. Es wurde im gleichen spektakulären Konzert von 1808 aufgeführt. In diesem Konzert kamen außerdem die sechste Sinfonie, Teile aus der C-Dur-Messe sowie die Chorfantasie zur Aufführung. Mit der fünften Sinfonie verbindet das Konzert den Klopfgestus, der durch den ersten Satz des Konzertes geistert. Dennoch ist die Anlage des Stückes ganz eigenartig.

Sicherlich handelt es sich beim ersten Satz (Allegro moderato) um ein Sonatenallegro mit all den bekannten Bestandteilen, zwei thematische/harmonische Gruppen, Durchführung und Reprise. Jedoch ist hier der Charakter sehr viel einheitlicher gefärbt und die musikdramatische Anlage sehr viel episodischer. Adorno nannte es: ¥Ruhe durch Bewegung ausdrücken." In diesem Stück wird die Allegro-Motorik entweder durch homophone Satzgestaltung aufgehoben oder aber in weitschwingende Themenmelodien aufgelöst. Selbst der virtuose Klavierpart hat immer eine ruhende Orchesterbewegung zum Kontrast. Irregularität herrscht auch hier vor. Das Hauptthema wird zweigeteilt eingeführt: Ein fünftaktiger Vordersatz im Solo-Klavier gefolgt von einem neuntaktigen Nachsatz in den Streichern. Zentral dabei ferner die tonale Ausweitung des Themas nach H-Dur. Diese Anlage ist typisch für den ganzen Satz und aus ihr resultiert dieses eigentümliche Schweben. Das mag unlogisch klingen: Die Themen des Klavierkonzertes sind sehr viel weiter ausgeführt, melodisch sehr viel profilierter als in den beiden vorgenannten Sinfonien. Insofern aber auch der musikalische Verlauf sehr viel extensiver, weiträumiger, flächiger. Damit diese Formidee nicht zur Statik festläuft, wird im rhythmischen Bereich ungeheuer differenziert gearbeitet; auf eine Weise, die die beiden Sinfonien so jedenfalls nicht kennen.

Der zweite Satz (Andante con moto) spricht eine andere Sprache, die beinahe musikdramatische, opernhafte Züge zeigt. Der Dialog von Soloinstrument und Orchester (hier nur die Streicher) kehrt das Verhältnis von Individuum und Kollektiv um. Während die Streicher im unisono und rhythmisch hart konturiert geführt sind, steht das vielstimmige Soloinstrument in lyrischer Gesinnung dagegen. Erst am Ende kommt es zu einer Annäherung. Der Kontrast wird stillgestellt, nicht aber zur Auflösung gebracht. Es gibt kein ¥gutes" Ende, nur ein kreiselndes Anhalten.

Der dritte Satz (Ronde. Vivace) ist von einem ganz klaren und hellen Grundgestus geprägt. Einem homophonen akkordischen Thema steht eine melodiös geschwungenes vielstimmiges gegenüber. Auch wenn hier das Hauptthema aus einer auskomponierten Dreiklangsbrechung besteht, so ist es doch ganz anderen Charakters, als beispielsweise das ¥triumphierende" Thema aus dem Finale der fünften Sinfonie. Im Konzert darf man wohl von Luftigkeit und Räumlichkeit sprechen. Das Seitenthema über dem Orgelpunkt der Streicher atmet eine Weite der Anschauung, die dem Pastoralen-Gestus der sechsten Sinfonie nahesteht. Und auch die unmittelbare kontrapunktische Verarbeitung hat nichts von Strenge. Wenn man sich nun fragte: Was hat denn das Klavier in diesem Werk zu suchen, so ist die Antwort folgende: Es denkt und spielt als ein emanzipiertes Zusatzinstrument. Das Orchester selbst ist aber auch nicht der Tonteppich auf dem der Solist eitel virtuos musiziert.

Originaltitel: Viertes Concert für das Pianoforte mit 2 Violinen, Viola, Flöte, 2 Hautbois, 2 Clarinetten, 2 Hörnern, 2 Fagotten, Trompetten, Pauken, Violoncell und Baß. Seiner kaiserlichen Hoheit, dem Erzherzog Rudolph von Oesterreich unterthänigst gewidmet von L. van Beethoven. Op. 58. Wien und Pesth, im Verlage des Kunst u. Industrie Comptoirs [1808]

Martin Hufner

Beethoven: 4. Klavierkonzert
Beethoven-Haus Bonn
Beethoven online

Philharmonia Orchestra, Dir: Leopold Ludwig, P: Emil Gilels
Cleveland Orchestra, Dir: George Szell, P: Emil Gilels
weitere Einspielungen:
- 1933: Schnabel; LSO/Sargent (Naxos 8.110639)
- 1941: Hofmann; NYPO/Barbirolli (Marston 52014-2)
- 1954: Fischer; Philharmonia/ders. (Testament SBT 1169)
- 1957: Gilels; Philharmonia/Ludwig (Testament SBT 1095)
- 1963: Katchen; LSO/Gamba (Decca 460 825-2)
- 1963: Moravec; Wiener Musikverein O/Turnovsky (VAI 1021)
- 1964: Arrau; Concertgebouw/Haitink (Philips 462 358-2)
- 1974: Kovacevich; BBC SO/Davis (Philips 442 577-2)
- 1986: Perahia; Concertgebouw/Haitink (Sony SK 39814)
(MM)

HIP:
- 1997: Levin; Orchestre révolutionnaire et romantique/Gardiner (DG 457 608-2)

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