Texte der drmk
Grob gesagt versucht die Reine Stimmung, die Zahl der schwebungsfreien (=
reinen) Quinten und der Terzen zu maximieren und erzwingt dabei gleich eine
ganze Reihe von Wölfen (Terzen und Quinten), die je nach Auslegung in der
Mitteltönig zumindest dort gut brauchbare Tonarten betreffen. Die Reine Stimmung
überdauert deshalb eher (!) in theoretisierenden Gelehrtenzirkeln.
Trotzdem ist die Liste der Vertreter über die Jahrhunderte so lang wie
prominent:
Leonhard Euler, Giacomo Fogliano, Salomon de Caus, Johann Mattheson (mutmaßlich,
denn seine Angaben sind nicht konsistent), Johann Philipp Kirnberger (Temperatur
1 tendiert in diese Richtung), Friedrich Wilhelm Marpurg ("Alte Temperatur #1").
Möglicherweise stimmte auch der Orgelbauer Johann Nepomuk Holzhey
(oberschwäbischer Zeitgenosse Joseph Haydns) auf dieser Basis ein, korrigierte
am Ende des Temperaturlegens dann aber einige Töne.
Die venezianische Orgelbauerfamilie Callido (spätes 18. beginnendes
19. Jhdt.) hat ein stimmungsmäßig seit Beginn des 19. Jhdts. unberührt
gebliebenes Instrument hinterlassen (Tai di Cadore/Belluno), dessen Temperatur
nach dem 'Holzhey-Verfahren' (?, zunächst rein, dann korrigieren) sehr leicht
gelegt werden könnte.
Dagegen optimiert die mitteltönige Temperatur eindeutig einen Großterzkanon
(acht reine Terzen: c-e, d-fs, e-gs, g-es, f-a, g-h, a-cs, d-b ), der übrigens
gewiss auch die Festlegung der acht transponierten (figuralen) Kirchentöne
beeinflusste. Sie kommt im Rahmen ihrer Perspektive mit einem klassischen Wolf
(gs-es) aus. Die mitteltönige, sehr am Denken des "organista cum suis
cantoribus" (so Francesco Sales, Patrocinium musices, München 1589) orientierte
Temperatur hinterlässt spätestens seit der Zeit Dufays Spuren, ist damit also
sicher erheblich älter. Auch sie wird durch die Jahrhunderte prominent vertreten
und war für eine lange Zeit -die englischen Orgeln auf der Weltausstellung
London 1851 waren zur Überraschung deutscher Orgelbauer mitteltönig gestimmt- in
praxi weitest verbreitet, weil sie für das liturgische Musizieren
(choraliter/figuraliter) hervorragende Eignung besitzt:
Michael Praetorius, Pietro Aaron, frz. Organisten-Riege (Guillaume-Gabriel
Nivers, Lambert Chaumont); Italien, Spanien, Portugal, Polen; kath.
Süddeutschland. Andreas Silbermann (Marmoutier 1711), Jörg Ebert
(Hofkirche Innsbruck 1555/1560), Arp Schnitger etc. pp. Gioseffo Zarlino
versuchte sich auch am Vorschlag einer 'Kleinterzstimmung'.
Positive Werte deuten an, dass das Intervall größer, negative Werte, dass es kleiner ist als rein (= schwebungsfrei). Man erkennt die Wölfe bei Euler (d-a, fs-cs und 'b'-f) bzw. den für die Mitteltönigkeit typischen "Orgel-Wolf " bei Praetorius/Aaron (gis-es).
Die von mir hier gegebene Interpreation der Mitteltönigkeit entspricht den Temperierungspraktiken der Instrumentenbauer -gleiche Schwebungsrate der Hauptquinten c-g, g-d, d-a, a-e-, nicht denen der Mathematiker, die auf gleiche Centweite Wert legen (696,6 Cent), durch die sich eine proportional mit der Freqenz steigende Schwebungsrate jener vier Quinten ergäbe.
Hans-Joachim Röhrs, München