Musik im Dritten Reich
Wenn man sich mit dem Thema "Musik im Dritten Reich" beschäftigt, trifft man in der Gegenwart zunächst einmal auf das Phänomen eines rigiden Moralismus. Die ungeheuerlichen Verbrechen der Nazidiktatur konstituieren das Phänomen des absolut Bösen, das es einfach macht, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Wer mit dem Bösen in Berührung kam, ohne selbst Opfer zu werden, hat sich schuldig gemacht. Die Nennung von Namen und Geschehnissen haben einen denunziatorischen Charakter: hier werden vermeintliche Lichtgestalten kulturellen Lebens ihrer angemaßten moralischen Überlegenheit entkleidet, nicht als Irrende, sondern als sündig gewordene, als gefallene Engel entlarvt.
Eine solche Sichtweise macht uns Nachgeborene zu Richtern in der angenehmen Lage, dass wir alles besser wissen (und sicherlich auch besser gemacht hätten), verschließt aber die Augen vor den wirklich bedrückenden ethischen und künstlerischen Fragestellungen. Eine wissenschaftliche Aneignung ist verunmöglicht, wenn das Urteil vor der Untersuchung schon feststeht, wenn Geschehnisse, so schrecklich sie auch sind, dämonisiert werden, wenn Pauschalisierung vor einer differenzierten Betrachtung steht, die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit der Wirklichkeit nur einseitig abgefragt wird.
Den Fragen nach Kunst und Moral wird man nicht entgehen können, wohl sollte man eine billige moralische Empörung vermeiden. Was mich an der Beschäftigung mit "Musik im Dritten Reich" faszinierte, war das Aufdecken von Phänomenen, die lange vor dem Dritten Reich bestanden, die auch nach dem Fall des Dritten Reiches weiterlebten - und die konstitutiv für die Ideologie des Dritten Reiches waren.
So ist der Antirationalismus, die Diffamierung des Begriffs "Intellektueller", eine Tendenz, die sich im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die Aufklärung politisch auch im Gegensatz zum Franzosentum ortet, wenn deutsche Seelentiefe gesetzt wird gegen ein rationalistisches Franzosentum. Übertragen auf die Musik weist Hans-Werner Boresch auf ein frühes Beispiel in der Zeitschrift für Musik des Jahres 1843 hin, wo das genannte Gegensatzpaar zur Abgrenzung ästhetischer Positionen genutzt wird. Ein Paris-Korrespondent der Zeitschrift berichtet von einem Disput mit einem Franzosen, "dem das offenbar virtuos-salonhafte Klavierspiel einer Schülerin von K. [...] den gleichen Hörgenuß bereitet wie Beethovens 'Pastorale'."(S. 67) Einflussreich ist Langbehns "Rembrandt als Erzieher" (1890), in dem Wissenschaft und Kunst als teilweise polare Gegensätze gesehen werden, auch hier die Tiefe der deutschen Volksseele dem wissenschaftlichen Roman des Erbfeindes Zola entgegen gehalten wird. Die Wissenschaftsfeindlichkeit kulminiert in den Sätzen: "Es kann am Ende doch noch sein, daß der Bauer den Professor todt schlägt; daß das Urwüchsige in der Natur des Deutschen das Gekünstelte derselben überwiegt und überwindet." (Langbehn, S. 227). Langbehn hasste die Juden, weil sie seiner Meinung nach die Deutschen dazu gebracht hätten, sich der Wissenschaft, der Demokratie und der gebildeten Mittelmäßigkeit zu unterwerfen (Stern).
Bei Pfitzner werden dann "Musik für den Intellekt" und "Musik für das Herz" sich gegenseitig ausschließende Rezeptionsweisen - und da fällt es nicht schwer, Parallelen von gegenwärtigen Diskursen unter Musikfreunden aufzuzeigen.
Bevor ich nun angehe, die aggressive Vereinahmung von Lebensphilosophie und reaktionärer ästhetischer Haltung durch die Nationalsozialisten ein wenig näher zu betrachten, möchte ich vor voreiligen Schlüssen warnen: die Aneignung des Nationalismus durch die NS-Ideologie macht den Nationalismus als solchen nicht nationalsozialistisch, die Aneigung einer antimodernistischen Kunstphilosophie macht den Antimodernismus als solchen nicht nazistisch (im Gegenteil war der italienische Faschismus der Moderne durchaus aufgeschlossen), wie eben auch die Kritik am Anti-Intellektualismus diesen nicht grundsätzlich als nationalsozialistisch bestimmen will. Doch die innewohnenden Gefahren sind nicht zu übersehen.
Peter Brixius
Literatur:
- Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher. Von einem Deutschen. Leipzig 1890
- Fritz Stern: Kulturpessimismus als politische Gefahr, Bern 1963
- Hans-Werner Boresch: 'Zersetzender Intellektualismus' und
'apodiktischer Glaube'. Der Nationalsozialismus in der Tradition des
Antirationalismus. in: Sonntag/Boresch/Gojowy [Hrsg.]: Die dunkle
Last. Musik und Nationalsozialismus. Köln 1999