Alexander von Zemlinsky (1871-1942)





"Alexander von Zemlinsky ist derjenige, dem ich fast all mein Wissen um die Technik und die Probleme des Komponierens verdanke. Ich habe immer fest geglaubt, dass er ein grosser Komponist ist, und ich glaube noch immer daran" sagte Arnold Schönberg 1949 über den Komponisten Alexander (von) Zemlinsky. Aber wer war der Mann, über den nicht nur Schönberg eine so hohe Meinung hatte und für den Theodor W. Adorno in den Fünfziger Jahren in einem Radioessay entschieden Partei ergriff?
Zemlinsky wurde am 14.10.1871 in Wien geboren. Die Herkunft der Eltern zeigt eindrucksvoll das Abstammungsgemisch: Der Vater, Adolph von Zemlinsky stammte aus der Slowakei (sein Name deutet auf polnisch-galizische Vorfahren hin), die Mutter aus einer jüdisch-mohammedanischen Familie aus Sarajevo. Von 1884 an besuchte Zemlinsky das Wiener Konservatorium, wo er bei denselben Lehrern studierte, die einige Jahre zuvor auch Gustav Mahler unterwiesen hatten: Heinrich Dorr war sein Lehrer im Klavierspiel (hier war Zemlinsky aussergewöhnlich erfolgreich, 1890 schloss er sein Klavierstudium als "bester Klavierspieler des Konservatoriums" ab), in Komposition unterrichteten ihn Franz Krenn und Robert Fuchs. Das Kompositionsstudium beendete er im Jahre 1891, und noch aus demselben Jahr stammt seine erste Sinfonie in d-moll, die den Einfluss von Johannes Brahms auf den jungen Komponisten - bei aller bereits feststellbaren Eigenart - sehr deutlich zeigt. Zemlinsky trat dem Wiener Tonkünstlerverein bei. 1895 lernte er den "Bankbeamten Arnold Schönberg" kennen, eine freundschaftliche Beziehung entwickelte sich, die lange anhalten sollte und für beide Komponisten anregend war.



1894 schrieb er seine erste Oper, "Sarema oder Die Rose vom Kaukasus", die preisgekrönt 1897 in München uraufgeführt wurde. Mahler, gerade Hofoperndirektor in Wien geworden, wurde auf den jungen Zemlinsky aufmerksam und brachte 1900 dessen zweite Oper "Es war einmal" - ein Märchensujet - zur Aufführung, zu einer zweiten geplanten Uraufführung des Gespannes Mahler-Zemlinsky kam es nicht mehr, da Mahler vor der Uraufführung von "Der Traumgörge" das Direktorenamt an Felix Weingarter abgab, der die bereits einstudierte Oper wieder absetzte.

Zunehmend begann sich Zemlinsky auch als Dirigent zu profilieren, zunächst am Wiener Carlstheater auf dem Gebiet der Operette, 1904 wurde er erster Kapellmeister der neuen Volksoper, und in Mahlers letzter Spielzeit an der Hofoper war er Kapellmeister der Hofoper. 1908 kehrte er an die Volksoper zurück. Zemlinsky dirigierte dort etwa die Erstaufführung von Dukas' "Arianne et Barbe-Bleu", und auch seine lange Zeit wohl bekannteste Oper "Kleider machen Leute" nach Gottfried Keller wurde dort uraufgeführt.

1911 wurde Zemlinsky Operndirektor am Deutschen Landestheater Prag. Hier dirgierte er nicht nur die Prager Erstaufführung von Mahlers 8.Sinfonie, sondern unter anderem auch die Uraufführung von Schönbergs Monodram "Erwartung". In Prag entstanden die beiden gewichtigen Opern nach Werken von Oscar Wilde, der schon Strauss zu seiner Salome angeregt hatte (Zemlinsky hatte diese Oper 1910 zur Wiener Erstaufführung gebracht), "Eine florentinisch Tragödie" (1915) und "Der Zwerg" (1921), hier schreib er sein bekanntestes Werk, die "Lyrische Sinfonie". In Prag blieb er bis 1927, als er mit Otto Klemperer an die Kroll-Oper in Berlin ging.

Nach der Machtergreifung durch die Nazis flüchtete Zemlinsky zunächst nach Wien, wo er 1933 die Oper "Der Kreidekreis" abgeschlossen hatte und 1935 als Reaktion auf die Nachricht vom Tode des Freundes Alban Berg das 4. Streichquartett in Form einer Suite - die Anlehung an Bergs eigene lyrische Suite ist offensichtlich - konzipierte. 1938 schließlich emigrierte er in die USA, aber sein kompositorische Energie war gebrochen. Die begonnene Oper "Der König Kandaules" war nicht vollendet, als Zemlinsky 1942 einundsiebzigjährig starb.

Zemlinskys Stil zu beschreiben, fällt nicht leicht. "Den Konservativen war er zu modern, den Anschluss an die 'Neue Musik hat er trotz seiner persönlichen Bindung an Schönberg nicht gefunden" schreibt Horst Weber, und es muss angemerkt werden, dass Zemlinsky den Anschluss auch nicht finden wollte - wohl setzte er sich mit Schönbergs Ideen auseinander, dirigierte auch dessen Werke, aber er wollte seinen eigenen Stil finden und schreiben. Drei Phasen kann man grob erkennen: In seinen frühen Werken orientiert er sich stark an dem Vorbild Brahms, um die Jahrhundertwende findet er zunehmend Begeisterung an Wagner und entwickelt einen üppigen, spätromantischen Stil mit ausgefallener Harmonik. Diese Epoche findet ihre Vollendung vielleicht in der komplexen Partitur von "Eine florentinische" Tragödie" und auch in der "Lyrischen Sinfonie". Anschließend wird sein Stil nach und nach knapper, "antipathetischer", wie es Adorno nannte. Die Anklänge an die Musik eines Ferrucio Busoni und eines Kurt Weill in Teilen des "Kreidekreises" sind erstaunlich, und doch verleugnet Zemlinksy auch in einem seiner wohl besten Orchesterwerke, der "Sinfonietta" seine spätromantische Ader nicht. Immer zeichnet sich Zemlinskys Musik durch eine große Menschlichkeit aus, wie der Dirigent James Conlon treffend bemerkte.

"Zemlinsky kann warten" sagte Schönberg, und er dachte da wohl an Mahlers Ausspruch "Meine Zeit wird kommen". Zemlinskys Zeit wird ebenfalls kommen.

Claus Huth
letzte Änderung: 28.7.2003